Was ist bilingualer Unterricht?
Bilingualer Unterricht ist der Unterricht eines oder mehrerer Sachfächer - z.B. Geschichte oder Musik - in einer Fremdsprache als Unterrichtssprache. In ihm werden die Fremd-sprachenkenntnisse (in unserem Fall Englisch) praktisch angewendet und auf diese Weise vertieft. Während im Fremdsprachenunterricht Situationen künstlich simuliert werden, um Sprechanlässe zu schaffen, sind die Inhalte des bilingualen Fachunterrichts anwendungs-bezogen, d. h. authentisch und real. Die Verwendung der Fremdsprache im Sachzusammenhang ohne ihre Benotung senkt die Hemmschwelle, sich in ihr zu äußern.
Der bilinguale Unterricht ist nichts revolutionär Neues. Er wird seit Anfang der 70er Jahre betrieben und ist in den meisten Bundesländern bereits jahrelang erprobt. In Niedersachsen gibt es inzwischen über 80 Gymnasien, die den bilingualen Unterricht eingeführt haben. Die Erfahrungen, die die beteiligten Schulen mit ihrem bilingualen Angebot bisher gemacht haben, sind durchweg sehr positiv.
Worin unterscheidet sich der bilinguale Unterricht vom muttersprachlichen?
Der bilinguale Unterricht unterscheidet sich in vielen Punkten vom muttersprachlich erteilten Unterricht. So
sind eine viel stärkere Strukturierung und eine weit höhere Konzentration auf das Wesentliche erforderlich. Das schafft den nötigen Freiraum für eine ruhigere und intensivere Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand. Als äußerst vorteilhaft erweist sich der Zwang zur Veranschaulichung (über Dias, Zeichnungen, Fotos, Filme, Tafelbilder, Folien).
Der Weg zur Erkenntnis über Anschauung und Handlungsorientierung ermöglicht einen eher jugendgemäßen Zugang zum ansonsten vielleicht fremden Unterrichtsstoff. Er kommt dem Interesse der Jugendlichen besonders in der 7. und 8. Klasse sehr entgegen.

Was spricht für einen bilingualen Unterricht?
Fundierte Fremdsprachenkenntnisse sind heute eine der wichtigsten Qualifikationen der heranwachsenden Generationen im vereinten Europa. Der Fremdsprachenerwerb kann einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung und zum Hineinwachsen in ein mehrsprachiges Europa leisten. In vielen Berufsgruppen, die traditionell von Gymnasiasten angestrebt werden, sowie in einem auf das Abitur folgenden Studium wird eine solide Kommunikationsfähigkeit in zwei oder sogar drei Fremdsprachen verlangt. Kommunikationsfähigkeit ist eine Schlüsselqualifikation, die nicht auf den muttersprachlichen Bereich begrenzt werden kann.
Bilinguales Lernen gibt Lernen eine neue Qualität, indem das Begreifen anderer Völker in ihrem Selbstverständnis und ihrer Weltsicht die eigene Identitätsentwicklung bereichert. Unterricht dieser Art unterstützt zudem die Allgemeinbildung und politische Bildung, ermöglicht ein tief greifendes Erschließen der Realität und fördert die Entwicklung sprachlicher Handlungskompetenz. Dieser Unterricht trägt zur Schaffung eines internationalen Bewusstseins bei. Er fördert durch den ihm immanenten Perspektivenwechsel Verständnis und Achtung gegenüber den Menschen anderer Nationen ebenso wie das Bewusstsein der Relativität eigener Standpunkte und Normen. All das bedeutet eine Bereicherung unseres Unterrichts und ist auch Voraussetzung, wenn unsere Schülerinnen und Schüler eine europäische Identität entwickeln sollen.

Was bedeutet bilingualer Unterricht am Gymnasium Meinersen?
Unsere Eltern wünschen eine intensive fremdsprachliche Bildung ihrer Kinder, damit diese auf die zunehmenden internationalen Verflechtungen in Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlichem Leben vorbereitet werden. Um diesen Wünschen gerecht zu werden, bieten wir am Gymnasium Meinersen seit dem Schuljahr 2006/07 unseren Schülerinnen und Schülern an, zusätzlich zum Englischunterricht das Fach Geschichte in englischer Sprache zu erlernen. Sofern es die Personalsituation erlaubt, streben wir an unser bilinguales Angebot dauerhaft mit dem Fach Geschichte zu kombinieren. Der Besuch der bilingualen Klasse wird im entsprechenden Zeugnis vermerkt.
Die Lerninhalte des bilingualen Geschichtsunterrichts werden vom deutschen Curriculum bestimmt, d.h. die bilingualen Klassen lernen inhaltlich genau das Gleiche wie die übrigen Klassen, die den muttersprachlichen Unterricht besuchen. Bei der Themenauswahl werden jedoch, wo immer möglich, Bezüge zu den Zielländern hergestellt.
Später kann der bilinguale Sachfachunterricht auch auf weitere Fächer (z. B. Musik) ausgeweitet werden, wenn es die Fächerkombination unserer Lehrkräfte erlaubt und organisatorisch möglich ist. Es wird angestrebt, den bilingualen Geschichtsunterricht in der Sekundarstufe II fortzuführen. Auf dem Abschlusszeugnis wird diese Zusatzqualifikation bescheinigt. Immer mehr Länder streben an, diese als Studienberechtigung ohne zusätzliche Vorprüfung anzuerkennen. 
Wie sehen unsere Erfahrungen mit dem bilingualen Sachfachunterricht aus? Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv, auch wenn der Einstieg in diesen Unterricht für die Schülerinnen und Schüler durchaus anspruchsvoll ist. Um sie fremdsprachlich nicht zu überfordern, wird am Beginn des bilingualen Geschichtsunterrichts eine Einführungsphase eingeschoben, in der an einem den Schülerinnen und Schülern bereits aus dem muttersprachlichen Geschichtsunterricht der 6. Klasse bekannten historischen Beispiel (z. B. „Pompeii – A town under a volcano“) Geschichte erlebt wird und grundlegende Fragen dieses Faches geklärt werden.
Sie lernen somit behutsam historische Fachbegriffe kennen und gewinnen einen ersten Überblick über den bilingualen Geschichtsunterricht.
Bis zum bilingualen Abitur gelingt es nachweislich, eine qualitativ und quantitativ deutlich erhöhte Kompetenz in der englischen Sprache zu vermitteln. Der inhaltliche Kenntnisstand im Sachfach entspricht dabei in der Regel dem, der auch im muttersprachlichen Unterricht erreicht wird. Die Fähigkeit zum adäquaten Gebrauch der Fachtermini in der Fremdsprache wird verbessert. Das bilinguale Sachfach wird von Schülerinnen und Schülern nicht als schwieriger empfunden als andere Fächer und der erhöhe Zeitaufwand wird akzeptiert, da Motivation und Lernanreiz höher sind. Nach kurzer Zeit wird Englisch als selbstverständliches Verständigungsmittel akzeptiert und benutzt. Sprechängste werden abgebaut, weil nicht ständig korrigiert wird. Die kulturelle Distanz wird verringert, das Bild vom „Anderen“ unsicherer und somit flexibler. Fremde Gruppen werden im Allgemeinen neugieriger, zurückhaltender aber auch offener beurteilt.
Wie sieht die Stundentafel unserer bilingualen Klassen aus?
Die bilinguale Lerngruppe ist in einer Klasse eines vierzügigen Jahrgangs am Gymnasium Meinersen zusammengefasst. Momentan wird Geschichte bilingual unterrichtet. Unsere derzeitige Stundenplanung:
SEK I
Klassenstufe |
EN-Unterricht |
GE-Unterricht |
mögl.
Zusatzangebot |
5./6. Klasse |
4h |
2h |
AG Bili-Vorkurs, Projektwoche |
7. Klasse |
4h |
2h+1h* |
Bili-Klassenfahrt |
8. Klasse |
4h |
2h+1h* |
Bundeswettbewerb Fremdsprachen |
9. Klasse |
4h |
2h+1h* |
Bundeswettbewerb Fremdsprachen, Englandfahrt |
*Stützunterricht im Sachfach, um die fachliche Kompetenz auch tatsächlich zu erreichen und sicherzustellen, dass der vorgesehene Unterrichtsstoff den Rahmenrichtlinien entsprechend vermittelt wird. Die zusätzliche Unterrichtsstunde zählt dabei als AG-Stunde und dient somit gleichzeitig der Erfüllung der AG-Belegungsverpflichtung.
SEKII: in Vorbereitung 
Wie werden die Leistungen beurteilt?
Die Leistungen werden ausschließlich aufgrund des Sachanteils bewertet, d. h. der Sprachanteil wird in den Sachfächern nicht berücksichtigt. Die Grundregel lautet: Die fachliche Leistung wird bewertet. Es handelt sich um einen Fach-, nicht um einen Sprachunterricht. Die fremdsprachliche Kompetenz ist dabei allerdings nicht völlig unwichtig, denn die Unterrichtssprache ist Englisch. Die Muttersprache darf jedoch — gerade im Anfangsunterricht — ergänzend zum Englischen eingesetzt werden. Grundsatz ist: So viel in der Fremdsprache wie möglich, soviel in der Muttersprache wie nötig. Allerdings schlägt sich bei vielen Schülerinnen und Schülern das geförderte Sprachvermögen außerordentlich positiv in der Sprachnote nieder: Sie liegt bis zu einer Note über dem Schnitt eines regulären Sprachschülers.
Die Klassenarbeiten werden in der Fremdsprache verfasst, aber sie werden anfangs so gestaltet, dass der Fremdsprachenanteil nicht erdrückend wird. Zusätzlich dienen Tests dazu, die Sachfach- und Fremdsprachenkompetenz der Schülerinnen und Schüler sicherzustellen.
Welche Lehrmittel werden eingesetzt?
Mittlerweile gibt es bereits eine ganze Reihe von Lehrwerken, die speziell für den bilingualen Geschichtsunterricht an deutschen Schulen konzipiert worden sind. Wir benutzen momentan "Invitation to History" aus dem Cornelsen-Verlag. Es hat sich als zweckmäßig erwiesen, dass sich die Schülerinnen und Schüler der bilingualen Klassen diese Bücher kaufen und nicht im Rahmen der Lehrmittelausleihe ausleihen, da nur so eine adäquate Arbeit möglich ist (z. B. Unterstreichen in den Quellen, Randnotizen, Vokabelerläuterungen). Außerdem dienen die Lehrwerke in den Folgejahren als wertvolle Nachschlagewerke bezüglich Inhalten, Methoden und Kompetenzen. Zusätzlich werden englischsprachige Schulbücher und verstärkt Fotokopien herangezogen. Darüber hinaus müssen jedoch vom Fachlehrer fortlaufend Arbeitsmaterialien erstellt werden.

Welche Befürchtungen können wir zerstreuen?
Ein „deutsches“ Sachfach auf Englisch: Manche hatten befürchtet, dass dies nicht gut gehen könnte, dass sprachlich ein Durcheinander von Muttersprache und Fremdsprache und fachlich ein Verlust an Kenntnissen und Einsichten das Ergebnis eines solchen Unterrichts sein würden. Keine dieser Befürchtungen ist eingetreten. Die Einsprachigkeit kann weitgehend eingehalten werden, obwohl die Schülerinnen und Schüler auf die Muttersprache zurückgreifen dürfen, wenn sich ihre Gedanken einmal als umfangreicher als ihre Fremdsprachenkenntnisse erweisen.
Auch die Lernzielkontrollen erfolgen auf Englisch und die Schülerinnen und Schüler haben kaum Probleme damit. Fachlich kann den zentralen Anliegen der Rahmenrichtlinien des Faches voll Genüge geleistet werden. Schwächere sprachliche Leistungen wirken sich nicht entscheidend auf die Qualität der fachlichen Leistungen aus. Es kommt durchaus vor, dass jemand im Fach Englisch nur ausreichende, in dem bilingualen Fach jedoch gute bis sehr gute Leistungen bescheinigt bekommt. Auf die Beurteilung fremdsprachlicher Leistungen wird selbstverständlich im bilingualen Unterricht strikt verzichtet. Lexikalische oder grammatikalische Fehler werden zwar korrigiert, schlagen sich jedoch nicht in der Zensur nieder. Die Sprache ist für die Schüler nicht Gegenstand des bilingualen Unterrichts, sondern lediglich ein Medium — wie für ihre Altersgenossen in Großbritannien oder in den USA.
Den Schülerinnen und Schülern kann man nur Anerkennung aussprechen, dass sie sich den Anforderungen dieses Unterrichts stellen. Trotz dieser zusätzlichen Anstrengungen kommt ein Wechsel in eine nichtbilinguale Klasse kaum vor. Die Beteiligung am Unterricht ist erfreulich hoch, obwohl er weitestgehend einsprachig verläuft. Es kommt gelegentlich sogar zu lebhaften Diskussionen in der Fremdsprache. Die Kommunikationsbereitschaft und vor allem -fähigkeit (umfangreicher Wortschatz, „natürlicher“ Umgang mit der Fremdsprache) sind durch diesen Unterricht zweifellos gestiegen.
Sollte eine Schülerin bzw. ein Schüler wider Erwarten nicht den Anforderungen der bilingualen Klasse gewachsen sein, dann ist durch die Anbindung des jeweiligen Sachfaches an die Rahmenrichtlinien und das Curriculum ein Wechsel in eine nichtbilinguale Klasse problemlos möglich. Sollte umgekehrt eine Schülerin bzw. ein Schüler später in eine bilinguale Klasse wechseln wollen, dann ist dies nach entsprechenden Beratungen, etc. in Ausnahmenfällen möglich.

Wer kann am Unterricht der bilingualen Klassen teilnehmen?
Eingangsvoraussetzungen sind nicht vorgesehen. Der bilinguale Unterricht ist aber an sich für lernfreudige, sprachlich begabte Schülerinnen und Schüler gedacht. Schwächeren Schülerinnen und Schülern ist vom Besuch dieses Unterrichts unbedingt abzuraten (Mehrbelastung!). Auswahlkriterien sollten sein: Interesse der Schülerin bzw. des Schülers (und nicht nur der Eltern), Teilnahme an der AG Bili-Vorkurs bzw. Projektwoche, Belastbarkeit, Gespräch mit den Fachlehrern der 5./6. Klasse und sprachliche Begabung.
Wie sieht die weitere Zukunft aus?
Für die kommenden Schuljahre ist jeweils eine bilinguale Klasse ab dem 5. Schuljahr geplant, wobei der eigentliche bilinguale Unterricht erst ab der 7. Klasse beginnt. Sollten die Mittel und Lehrkräfte zur Verfügung stehen, möchten wir das Angebot durchgängig mit dem Fach Geschichte verbinden und eventuell auf weitere Fächer ausdehnen (z. B. Musik). Das Gymnasium Meinersen möchte darüber hinaus den bilingualen Unterricht in der SEK II fortführen und die Belegung des Faches Geschichte als mündliches Prüfungsfach (P4 oder P5) ermöglichen. Ab dem kommenden Schuljahr 2008/09 soll, wenn möglich, ein „erstes Schnuppern“ durch eine AG Bili-Vorkurs für die 6. Klassen geleistet werden. Ferner sind angedacht: Bili-Klassenfahrt in der 7. Klasse, AG für höhere Klassen (z. B. Model United Nations, o. ä.).
|